{"id":6236,"date":"2016-12-06T07:16:02","date_gmt":"2016-12-06T06:16:02","guid":{"rendered":"https:\/\/forum-helveticum.ch\/rm\/2017\/01\/die-schweiz-4-landessprachen-und-mehr\/"},"modified":"2017-01-11T14:23:59","modified_gmt":"2017-01-11T13:23:59","slug":"die-schweiz-4-landessprachen-und-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/forum-helveticum.ch\/rm\/2016\/12\/die-schweiz-4-landessprachen-und-mehr\/","title":{"rendered":"Die Schweiz, 4 Landessprachen und mehr\u2026"},"content":{"rendered":"<p>Die Schweiz hat nicht nur drei Amtssprachen (Italienisch, Deutsch und Franz\u00f6sisch) und \u2013 mit R\u00e4toromanisch \u2013 vier Landessprachen, sondern auch zahlreiche Varianten, insbesondere bei den Dialekten des Schweizerdeutschen. Doch die Sprachenvielfalt geht noch weiter. Ohne die Immigrationssprachen und die grosse Verbreitung des Englischen im ganzen Land zu z\u00e4hlen, wissen nur wenige Leute, dass es neben Regionalsprachen auch eine f\u00fcnfte (territorial nicht gebundene) Sprache der Schweiz gibt. Obwohl diese Sprachen auf dem R\u00fcckzug sind, geh\u00f6ren sie zum mehrsprachigen Panorama der Schweiz und tragen zur St\u00e4rkung des kulturellen und sprachlichen Reichtums des Landes bei.\u00a0<!--more--><\/p>\r\n<p>Die Sprachenfrage ist zentraler kultureller Bestandteil der Schweiz. Deutsch, Franz\u00f6sisch, Italienisch und R\u00e4toromanisch sind die vier im Land gesprochenen Landessprachen. Die drei ersten sind zudem Amtssprachen f\u00fcr die Beziehungen zum Bund und zu den Kantonen; die beiden letzten sind \u00abweniger verbreitete Amtssprachen\u00bb, Letztgenannte ist teilweise Amtssprache (vgl. <a href=\"https:\/\/forum-helveticum.ch\/de\/2016\/12\/die-schweizerische-verfassung-und-die-sprachen\/\">Verfassung<\/a>) und nur im Kanton Graub\u00fcnden verbreitet, wo sie seit dem 19. Jahrhundert einen offiziellen Status hat.<\/p>\r\n<p>Das <strong>R\u00e4toromanische<\/strong> geht zwar langsam, aber doch konstant zur\u00fcck. Man sch\u00e4tzt, dass es noch von 60 000 Personen gesprochen wird und dabei (gem\u00e4ss letzten <a href=\"https:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/de\/home\/statistiken\/bevoelkerung\/sprachen-religionen\/sprachen.html\" target=\"_blank\">Sch\u00e4tzungen<\/a>; neue sind im Gang) f\u00fcr wenige als 40 000 von ihnen die Hauptsprache ist. Das R\u00e4toromanische unterteilt sich in f\u00fcnf intraregionale Sprachen: Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Puter und Vallader. Als Amtssprache wird eine vereinheitlichte Form der Sprache verwendet, die 1982 von der Lia Rumantscha auf Basis der drei h\u00e4ufigsten der f\u00fcnf Variet\u00e4ten (Sursilvan, Vallader und Surmiran) geschaffen\u00a0 wurde: Das \u00abRumantsch Grischun\u00bb.<\/p>\r\n<p>Es gibt jedoch auch noch eine f\u00fcnfte Sprache der Schweiz, obwohl diese in keinem amtlichen Text erscheint: das territorial nicht gebundene <strong>Jenische<\/strong>. Dabei handelt es sich um eine germanische Sprache, die sich aus den Dialekten des Oberdeutschen ableitet und deren Lexik zahlreiche Begriffe aus dem Jiddischen, dem Hebr\u00e4ischen und dem Romani \u00fcbernommen hat. Sie wird von der gleichnamigen Nomaden- oder Halbnomaden-Gruppe gesprochen und ist in diesem Sinn ein Soziolekt, das heisst die Sprache einer sozialen Gruppe, die durch ihre Kultur charakterisiert ist (Jenische sind in Deutschland und den angrenzenden L\u00e4ndern seit dem 18. Jahrhundert belegt).<\/p>\r\n<p>Mit der Ratifizierung der <a href=\"https:\/\/www.admin.ch\/opc\/de\/classified-compilation\/20022395\/index.html\" target=\"_blank\">Europ\u00e4ischen Charta der Regional- oder Minderheitenssprachen<\/a> anerkannte die Schweiz 1997 das Jenische als \u00abnicht territorial gebundene\u00bb Landessprache. Es handelt sich also um eine offiziell anerkannte Sprache, die einen integrierenden Bestandteil des Schweizer Kulturerbes darstellt. Im Land leben ungef\u00e4hr 30 000 Mitglieder der Gemeinschaft, davon noch 3500 als Nomaden. Sie litten nicht nur in Nazi-Deutschland unter Verfolgung, sondern auch in der Schweiz, und das bis zu Beginn der 1970er-Jahre. Das 1926 von Pro Juventute ins Leben gerufene Hilfswerk \u00abKinder der Landstrasse\u00bb, dessen T\u00e4tigkeit 1973 eingestellt wurde, bek\u00e4mpfte die Landstreicherei und trennte die jenischen Kinder von ihren Eltern. Sch\u00e4tzungen zufolge wurden \u00fcber 600 Kinder der Obhut ihrer Eltern entzogen, um bei Pflegeeltern, in Kinderheimen, Waisenh\u00e4usern, psychiatrischen Kliniken oder in Erziehungsanstalten untergebracht zu werden.<\/p>\r\n<p>Neben dem Jenischen mit dem Status einer territorial nicht gebundenen Sprache (vgl. Territorialit\u00e4tsprinzip in der Schweizer <a href=\"https:\/\/forum-helveticum.ch\/de\/2016\/12\/die-schweizerische-verfassung-und-die-sprachen\/\" target=\"_blank\">Verfassung<\/a>) hat die Schweiz auch noch eine Reihe von <strong>Regionalsprachen<\/strong>. Leider sind diese auf dem R\u00fcckgang oder bereits praktisch verschwunden. Es geht um die vier Sprachen Bairisch, Frankoprovenzalisch, Jiddisch und Walserdeutsch.<\/p>\r\n<p><strong>Bairisch<\/strong> ist eine Sprache der Hochdeutschen Gruppe und in der Schweiz als Dialekt des Tirols (S\u00fcdbairisch) vorhanden. Sie wird einzig in der Gemeinde Samnaun (Graub\u00fcnden) gesprochen, die sich als kleinste Sprachminderheit der Schweiz versteht. Die Besonderheit kommt daher, dass die Gemeinde \u2013 geografisch vom \u00f6sterreichischen Tirol her erreichbar \u2013 erst 1913 durch eine Strasse mit der Schweiz verbunden wurde.<\/p>\r\n<p><strong>Frankoprovenzalisch<\/strong> ist eine in Frankreich, der Schweiz und in Italien gesprochene romanische Sprache. Obwohl sie gewisse Merkmale mit der Langue d&#8217;o\u00efl und dem Okzitanischen teilt, ist sie kein archaischer Zweig der Langue d&#8217;o\u00efl, wie man fr\u00fcher glaubte, sondern es handelt sich um eine unabh\u00e4ngige romanische Sprache, genauso alt wie die \u00fcbrigen galloromanischen Sprachen. Immer h\u00e4ufiger wird der im Vergleich zu Frankoprovenzalisch eindeutigere Begriff Arpitanisch gebraucht, um die Sprache zu benennen. Obwohl es sich dabei um einen Neologismus handelt, st\u00fctzt sich dieser auf eine lange toponymische Tradition. Die Sprache ist historisch in den franz\u00f6sischsprachigen Kantonen der Schweiz, mit Ausnahme des Jura, vertreten. Als lebende Sprache ist sie heute in den Kantonen Genf, Neuenburg und Waadt verschwunden, wird aber noch lokal eng begrenzt von einigen Personen im Wallis und im Freiburgischen (Greyerzbezirk) gesprochen. Abgesehen von Evol\u00e8ne (VS), wo die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung den Dialekt spricht, gilt die Sprache f\u00fcr die Schweizer Beh\u00f6rden als ausgestorben, weil sie nicht mehr \u00fcberliefert wird. Dennoch fordern Verb\u00e4nde ihrer Sprechenden weiterhin eine offizielle Anerkennung.<\/p>\r\n<p><strong>Jiddisch<\/strong> ist eine j\u00fcdische Sprache germanischen Ursprungs nahe am Deutschen, mit lexikalischen Einfl\u00fcssen des Hebr\u00e4ischen und Slawischen, das den aschkenasischen Gemeinschaften Mittel- und Osteuropas als Volkssprache diente. Das fr\u00fcher von zwei Dritteln der Juden in aller Welt gesprochene Jiddisch hatte seinen H\u00f6hepunkt in den 1920er-Jahren, bevor es nach dem Zweiten Weltkrieg sukzessive zur\u00fcckging. Heute scheint sich die Sprache stabilisiert zu haben und wird in der Schweiz von einer kleinen Gemeinschaft von 1500 Personen, meist ultraorthodoxen Juden, gesprochen.<\/p>\r\n<p>Auch <strong>Walserdeutsch<\/strong> ist eine Sprache der germanischen Gruppe aus dem Oberwallis. Die Walser, Alemannengruppen aus dem Berner Oberland, liessen sich ungef\u00e4hr um das Jahr 1000 im Goms nieder. Anschliessend gr\u00fcndeten sie mehr als 150 Kolonien in weiten Teilen des Alpenbogens von Savoyen bis ins Tirol. Die heute vom Aussterben bedrohte Sprache wird in der Schweiz noch von ungef\u00e4hr 10 000 Personen gesprochen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweiz hat nicht nur drei Amtssprachen (Italienisch, Deutsch und Franz\u00f6sisch) und \u2013 mit R\u00e4toromanisch \u2013 vier Landessprachen, sondern auch zahlreiche Varianten, insbesondere bei den Dialekten des Schweizerdeutschen. Doch die Sprachenvielfalt geht noch weiter. 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